Über Felix Gerdes
Felix Gerdes ist Cloud-Architekt bei Arvato Systems mit Schwerpunkt auf souveränen Cloud-Architekturen. Er bringt langjährige Praxiserfahrung mit US-Hyperscalern – insbesondere dem Microsoft-Stack – mit und arbeitet heute an der Frage, wie sich Leistungsfähigkeit, Kontrolle und Governance in regulierten Umgebungen sinnvoll verbinden lassen.
Gregor: Du hast die OVHcloud getestet. Wie teuer war die Cloud im Vergleich zu Deinem gewohnten Ökosystem?
Felix: Einen expliziten Preisvergleich haben wir nicht durchgeführt – dafür gibt es spezialisierte Kollegen. Aber das, was ich am Rande gesehen habe, wirkte durchaus preislich attraktiv. Das deckt sich auch mit meiner Erfahrung: Lokale Cloud- und Infrastruktur-Anbieter sind für Architekturen, wie jene die wir getestet haben, meist günstiger als die großen Hyperscaler.
Gregor: Das wirkt erst einmal kontra-intuitiv. Die haben doch viel höhere Skaleneffekte. Noch dazu waren sie lange Jahre deutlich erfolgreicher als die europäischen Anbieter, das muss doch auch am Preis gelegen haben?
Felix: Die Hyperscaler fahren eine ziemlich clevere Strategie. Sie versuchen gar nicht, auf Komponentenebene günstiger zu sein. Stattdessen optimieren sie auf der Gesamtkostenebene. Das heißt: Sie bündeln Cloud, Software, Plattformdienste, Tools und Schnittstellen so eng miteinander, dass ein komplettes Ökosystem entsteht.
„Hyperscaler verkaufen keine Komponenten – sie verkaufen ein Ökosystem.“
Im EuroStack-Paper der Bertelsmann Stiftung wird das gut beschrieben: „Many global tech companies have perfected the concept of ‘ecosystem power’, integrating several products seamlessly into cohesive offerings, including cloud infrastructure, hardware, software, and user interfaces … a ‘platform play’ … to create powerful ecosystems.“
Gregor: Erklär das mal konkret.
Felix: Schau Dir einmal unseren Test bei OVH an: Die Infrastruktur-Basis mit VMs, Storage, Netzwerk und Managed Kubernetes funktioniert gut. Was im Vergleich zu Hyperscalern fehlt, sind vor allem tiefer integrierte Managed Services darüber hinaus. Jenseits von Compute, Storage und Kubernetes ist das Angebot überschaubar – viele typische Plattformfunktionen wie Monitoring, Security, CI/CD oder weitergehende Plattformdienste mussten wir selbst aufbauen oder als Self-Managed-Lösungen betreiben.
Gregor: Aber solche Services aufzubauen, ist ja kein Hexenwerk.
Felix: Technisch nicht. Organisatorisch schon. Und vor allem liegt die Verantwortung dann bei uns als Kunde. Bei OVH müssten wir uns selbst um Monitoring, Security, Backups oder CI/CD kümmern. Das ist klassisches Shared Responsibility: Der Anbieter liefert die Infrastruktur, alles darüber hinaus gehört uns.
Beim Hyperscaler verschiebt sich das. Viele dieser Themen sind Managed Services, die Verantwortung liegt beim Provider. Weniger Eigenbetrieb, weniger Risiko, weniger Abstimmung. Und da stellt sich jeder IT-Manager ganz nüchtern die Frage: Will ich mir das jetzt auch noch ans Bein binden?
Gregor: Und, bindet er?
Felix: Naja, er macht dann erst einmal einen Business Case. Ist das überhaupt meine Zuständigkeit? Was kostet mich der Aufbau und Betrieb? Welche bestehenden Einheiten könnten das zusätzlich übernehmen? Muss ich neue Mitarbeitende einstellen? Wie groß muss das Team sein um ein ordentliches Leistungsniveau zu erbringen? Mit wem muss ich mich alles abstimmen?
„Technisch ist vieles möglich. Entscheidend ist, ob es sich rechnet.“
Wer einmal im Konzern gearbeitet hat, der weiß: das wird aufwändig.
Gregor: Also du meinst, die IT-Manager sind zu bequem, um auf eine souveräne Cloud zu gehen?
Felix: Nein. Sie handeln in ihrer unternehmensspezifischen Logik rational. Sie machen eine trockene Analyse, schauen sich Optionen an. Dann kommt ein Hyperscaler-Berater vorbei, zeigt auf den passenden Plattform-Service – und statt aufwändigem, internem Stakeholder-Management kann ich morgen direkt loslegen.
Gregor: Aber gerät das Unternehmen dann nicht in Abhängigkeit?
Felix: Abhängigkeiten gehören zum Alltag von IT-Managern. Sie sind abhängig von Schwestergesellschaften, die schlecht zuliefern, von Mitarbeitenden, die ausfallen, von Betriebsräten, von Vorgesetzten ohne technisches Verständnis, von Open-Source-Communities und von externen Beratern. Vor diesem Hintergrund ist eine möglicherweise steigende M365-Lizenz in ein paar Jahren oft das kleinere Übel.
Gregor: Wir haben uns also frei für die Hyperscaler-Abhängigkeit entschieden?
Felix: Was heißt schon frei. Die Hyperscaler haben das Spiel halt verstanden. in Beispiel: für MS-SQL-Datenbanken auf Azure ist der Lizenzpreis bereits in den Servicegebühren enthalten. Wenn ich mit derselben Datenbank zu AWS wechseln will, muss ich plötzlich hohe Lizenzgebühren an Microsoft zahlen.
Auf ähnliche Weise hat auch die Oracle-Cloud in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen: Für Oracle-Applikationen war sie oft die preislich attraktivste Gesamtvariante – selbst wenn die virtuellen Maschinen bei OVH oder IONOS günstiger gewesen wären.
„Abhängigkeiten sind normal. Das ist der zum Alltag von IT-Managern.“
Gregor: Könnten wir genauso „frei“ auch wieder heraus?
Felix: Na klar. Praktisch nichts von dem, was man in Hyperscaler-Ökosystemen findet, ist so einzigartig, dass man es nicht selbst bauen könnte. Viele dieser Services nutzen – offen oder im Hintergrund – ohnehin Open-Source-Komponenten. Und was darüber hinaus fehlt, kann jeder, der bereit ist, Software-Entwickler zu bezahlen, selbst entwickeln. Außerdem kann ich ja auch vorbeugen und die Souveränität in meiner Systemarchitektur gestalten. Je näher ich an den fachlichen Kern meiner Applikation komme, desto agnostischer kann ich Probleme lösen.
Gregor: Also für mehr Souveränität müssten wir alle nur bereit sein, etwas mehr Software zu entwickeln und zu betreiben?
Felix: So kann man es ausdrücken. Aber es geht weniger um den Willen als um die Kosten.
Schau dir das einmal aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive an: Wenn sich 10.000 Cloud-Kunden einen Service selbst aufbauen und betreiben und dafür im Schnitt nur eine halbe zusätzliche Vollzeitkraft benötigen, sind das insgesamt 5.000 Mitarbeitende.
Bei Vollkosten von rund 100.000 Euro pro Jahr sprechen wir von 500 Millionen Euro – allein für Arbeitskraft. Ein großer Cloud-Betreiber braucht für denselben Service, inklusive Professionalisierung, vielleicht zehn Mitarbeitende, liefert dafür aber schnellere Updates, mehr Availability und mehr Convenience.
Wenn der durchschnittliche Kunde für diesen Service 50.000 Euro im Jahr bezahlt, rechnet sich das für beide Seiten – für den Kunden und für den Cloud-Betreiber.
„Vendor Lock-in ist selten technisch – er ist meistens ökonomisch.“
Gregor: Für den Cloud-Betreiber rechnet es sich noch ein bisschen besser.
Felix: In der Tat. Genau deshalb machen die Hyperscaler ja so hohe Gewinne. Ein Teil davon geht an die Shareholder und stützt den Aktienkurs, aber vieles fließt auch in kostenlose Einstiegsprojekte für die stressgeprüften IT-Manager in Großkonzernen.
Und mit diesem Spielgeld finanzieren sie dann gleich die nächste Welle attraktiver Services.
Gregor: Ein Teufelskreis.
Felix: Ja. Jeder Akteur verhält sich rational. Spezialisierung und Arbeitsteilung nutzen allen, führen aber zu mehr Abhängigkeiten – und durch die technologische Skalierbarkeit von Software zu enormen Vorteilen bei den Hyperscalern.
Gregor: Klasse. Und jetzt?
Felix: Naja, der Donald Trump bringt gerade ein bisschen Dynamik in die Situation. Wie wir auch bei OVH gesehen haben, investieren die europäischen Anbieter inzwischen deutlich stärker in ihre Ökosysteme. Allein während unseres Testzeitraums sind mehrere neue Services dazugekommen.
Aber: Die Amerikaner haben rund 15 Jahre Vorsprung – und sie haben sich in der Zeit nicht schlafen gelegt. Und sie versuchen ja auch, mit dieser ganzen Power im Rücken, ihre Angbeote souveräner zu machen. Ich hoffe trotzdem, dass wir in Europa anfangen, Clouds wirklich als Ökosysteme zu denken. Und ein bisschen mehr Konsolidierung täte uns auch gut. Wenn unsere Cloud-Landschaft dauerhaft aus sehr vielen kleinen Clouds besteht, dann sehe ich ehrlich gesagt eher schwarz.
Gregor: Vielen Dank für Deine Zeit.



