Was sind die Opportunitätskosten von Unabhängigkeit?

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22.02.2026
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3 min Lesedauer
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Ich sehe eine Parallele zwischen den Diskussionen um ‚Verbrenner-Aus‘ und ‚digitale Souveränität‘. Um diese zu verstehen, lohnt interessanterweise ein Blick auf die deutsche Telekom.

Synthetische Kraftstoffe funktionieren super - technisch betrachtet

Als die Debatte um das Verbrenner-Aus hochkochte, entstand eine scheinbar elegante Alternative: Statt die Technologie zu verbieten, könnten wir sie klimaneutral betreiben – mit synthetischen Kraftstoffen aus Wind- und Solarenergie.

Die Idee: In windreichen Regionen wie Argentinien wird günstiger Strom erzeugt, in einen Energieträger umgewandelt, nach Europa verschifft und hier zu Benzin oder Wasserstoff weiterverarbeitet. Technologisch ist das machbar.

Das Problem ist jedoch nicht die technische Umsetzbarkeit, sondern die ökonomische Effizienz. Durch Umwandlung und Transport gehen große Teile der Energie verloren, die nötige Erzeugungskapazität vervielfacht sich.

Synthetische Kraftstoffe scheitern daher nicht an der Physik, sondern an den Opportunitätskosten – dem Preis dafür, knappe Ressourcen in eine weniger effiziente statt in eine bessere Alternative zu investieren.

Der Wechsel zu europäischen Initiativen hat einen Preis, der nicht auf einer Rechnung steht

💡 Die entscheidende Frage lautet also nicht: Geht das technisch? Sondern: Ist das ein guter Einsatz unserer Produktionsmittel?

Aber wo genau ist die Parallele zur digitalen Souveränität?

Auf LinkedIn wird häufig gefordert: Wenn wir digital souverän werden wollen, müssen wir uns aus Drittstaaten-Abhängigkeiten lösen, hin zu europäischen Anbietern und Open Source. Doch was würde ein solcher Wechsel tatsächlich bedeuten?

Nehmen wir mal nur die Software- und Cloud-Ökosysteme von VMware, ServiceNow, Oracle, Microsoft, Sales und AWS. Wenn 10.000 Großunternehmen jeweils 20 dieser Abhängigkeiten lösen wollten und jede Ablösung 15 Fachkräfte über zwei Jahre bindet, entstünden rund 6 Mio. Personenjahre Aufwand.

📊 Die Größenordnung? Rund 600 Mrd. € insgesamt oder durchschnittlich 60 Mio. € pro Unternehmen

In Deutschland aber arbeiten nur etwa 1 mio IT-Fachkräfte. Wir müssten also unsere gesamte, verfügbare IT-Kompetenz über mehrere Jahre ausschließlich mit Migrationsprojekten beschäftigen. Keine Over-The-Air-Updates bei VW, keine Staatsmodernisierung, keine KI-Drohnen gegen Russland.

Es geht auch um Opportunitäten ... und Opportunitätskosten

⚖️ Wenn nun jeder Euro und jede Stunde nur einmal ausgegeben werden kann – ist „Entkopplung“ wirklich die produktivste Verwendung dieser Ressourcen?

Die eigentliche Ironie: Selbst nach einer technischen Unabhängigkeitserklärung bliebe die wirtschaftliche Verflechtung bestehen. Deutsche Konzerne erzielen einen erheblichen Teil ihrer Umsätze in den USA – bei der Deutschen Telekom sind es über 60 Prozent.

🔎 Wer sich also mehr digitale Souveränität wünscht sollte eine kurze Empathiereise zu Tim Höttges unternehmen. Würde er Milliarden in die Auflösung von Tech-Abhängigkeiten zu Drittländern investieren, nur um hinterher weiterhin genauso abhängig zu genau diesen Drittländern zu sein?

Politisch und wirtschaftlich handlungswirksame Vorschläge also müssen sich der Logik der Handelnden annehmen. Und zu dieser gehört auch das Denken in Opportunitäten … und Opportunitätskosten.

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