Gemeinsam mit der Bitkom Akademie haben wir den Zertifikatslehrgang „Manager für digitale Souveränität“ entwickelt. Dafür bereiten wir die wichtigsten Hebel digitaler Souveränität praxisnah auf: Wie gewinnen Organisationen an Handlungsfähigkeit? Wie können gut gemeinte Maßnahmen sogar neue Abhängigkeiten und Risiken schaffen? Begleitend sprechen wir mit Expertinnen und Experten, die diese Fragen aus der Praxis kennen.
Co-Creator des Lehrgangs ist David Sterz von DenktMit. David verfügt über fast 20 Jahre Cloud-Erfahrung und konzipiert komplexe On-Premises-, Hybrid- und Public-Cloud-Architekturen auf AWS, Azure und Google Cloud. Außerdem beschäftigt er sich intensiv mit souveränen und dezentralen Cloud-Modellen auf Basis von Open Source und Kubernetes. DenktMit ist eine Genossenschaft erfahrener IT-Spezialisten, die Unternehmen bei Softwareentwicklung, Cloud- und Infrastrukturarchitektur sowie beim Betrieb komplexer Systeme unterstützt. Gemeinsam sprechen wir darüber, ob Hybrid Cloud tatsächlich souveräner macht – oder vor allem neue Komplexität schafft.
Gregor: Moin David, eigentlich wollten wir ja über hybride und Multi-Clouds als Hebel für mehr Souveränität sprechen. Aber jede gute Diskussion zum Thema digitale Souveränität startet ja mit einem Exkurs zur Frage, was das überhaupt ist.
David: In der Tat. Für mich bedeutet digitale Souveränität zunächst einmal Unabhängigkeit. Die Fähigkeit, Entscheidungen selbst zu treffen, nicht von einzelnen Anbietern abhängig zu sein und im Zweifel jederzeit vom Verhandlungstisch aufstehen zu können.
Gregor: Das klingt plausibel. Aber ist Unabhängigkeit wirklich das Ziel?
David: Zumindest ist sie ein wesentlicher Bestandteil. Wenn ich an einen Anbieter gebunden bin, meine Daten nicht migrieren kann oder bestimmte Technologien alternativlos werden, verliere ich Handlungsspielraum.
Gregor: Dann wäre eine Schreibmaschine die souveränste IT-Lösung der Welt.
David: Das ist jetzt polemisch.
Gregor: Aber konsequent. Die Schreibmaschine hat keinen Vendor Lock-in, keinen Cloud Act, keine geopolitischen Risiken und keine Abhängigkeit von einem Hyperscaler.
David: Du hast die Druckerschwärze vergessen, für echte Unabhängigkeit müsste ich die auch selbst herstellen.
Gregor: Guter Punkt. Google sagt, das ginge autark mit Leinöl und Russ. Dafür müsste ich Flachs anbauen, das geht wohl gut in Deutschland.
David: Nur souverän würde sich das nicht unbedingt anfühlen, denn unser Anspruchsniveau bezogen auf Kommunikationsmittel hat sich seit Gutenberg ja um einiges weiterentwickelt
Gregor: Ja, genau. Souveränität hat immer eine implizite Referenz bezogen auf Leistungsfähigkeit.
David: Natürlich, das geht häufig unter, wenn man nur auf die Risiken schaut. Unternehmen wollen ihre Ziele erreichen. Souveränität darf kein Selbstzweck sein.
Gregor: Das stört mich besonders an der öffentlichen Debatte. Es wird oft so getan, als sei mehr Unabhängigkeit automatisch besser. Tatsächlich bewegen wir uns aber immer in einem Spannungsfeld.
David: Zwischen welchen Polen?
Gregor: Zwischen Risiken, Kosten und Leistungsfähigkeit. Mehr Unabhängigkeit kann Risiken reduzieren. Gleichzeitig kann sie andere Risiken vergrößern, zusätzliche Kosten verursachen und die Leistungsfähigkeit senken.
David: Das würde ich grundsätzlich unterschreiben. Eine souveräne Lösung muss diese drei Pole in ein für das jeweilige Unternehmen sinnvolles Verhältnis bringen. Ein Unternehmen könnte beispielsweise komplett auf Open-Source-Software setzen und alles selbst betreiben. Das kann bestimmte Abhängigkeiten reduzieren, zugleich aber neue Betriebsrisiken schaffen, hohe Kosten verursachen und Ressourcen binden, die an anderer Stelle für die Leistungsfähigkeit fehlen.
Gregor: Was viele Arm-Chair-Warriors erst einmal begrüßen würden. Gemeint sind Menschen, die bestimmte Lösungen oder politische Maßnahmen fordern, ohne selbst für deren Umsetzung und Folgen verantwortlich zu sein. Den Begriff habe ich übrigens von Cristina Caffara gelernt.
David: Die EuroStack-Chefin? Dann muss ich ihren Substack wohl erst einmal lesen.
Aber zurück zu meinem Open-Source-Beispiel. Hier braucht man eben keine Tips vom Sofa aus, sondern qualifizierte Teams mit dem Know-how für Betrieb und Wartung. Die Frage lautet also: Ist der Zugewinn an Unabhängigkeit den Aufwand wert?
Gregor: Und die Antwort ist vermutlich: Es kommt darauf an.
David: Wie so oft.
Gregor: Deshalb gefällt mir der Begriff Kontrolle eigentlich auch nicht mehr. Ich rede lieber über Risiken.
David: Was meinst du damit?
Gregor: Wenn wir über Souveränität sprechen, sollten wir konkrete Risiken benennen. Geht es um Vendor Lock-in? Geht es um regulatorische Risiken wie Cloud Act oder FISA? Geht es um Cybersecurity? Geht es um Betriebs-Ausfälle? Über diese Risiken kann man sachlich diskutieren.
David: Während "mehr Kontrolle" oft sehr abstrakt bleibt.
Gregor: Genau. Und sobald man die Risiken klar benennt, wird plötzlich sichtbar, dass unterschiedliche Unternehmen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.
David: Ein Rüstungsunternehmen wird andere Prioritäten haben als ein Online-Händler.
Gregor: Oder als ein Mittelständler mit zehn Angestellten und keinem IT-Experten.
David: Das ist ein wichtiger Punkt. Europa ist ein Mittelstandskontinent. Viele Unternehmen verfügen gar nicht über die Ressourcen, komplexe Plattformen selbst zu betreiben. Für sie kann ein gemanagter Cloud-Service sogar mehr Handlungsfähigkeit schaffen.
Gregor: Obwohl er gleichzeitig Abhängigkeiten erzeugt.
David: Genau. Deshalb ist die Aussage "Cloud macht unsouverän" genauso falsch wie "Cloud macht souverän".
Gregor: Gut, dann testen wir das doch mal.
David: Woran?
Gregor: An Hybrid Cloud. Die Ausgangsfrage war ja eigentlich: Macht Hybrid Cloud souveräner?
David: Klasse. Aber dann lass uns doch mit dem eigentlichen Interview starten.





