Was haben wir getestet?
Unser Test untersucht, wie gut europäische Cloud-Provider eine typische Einstiegsarchitektur mittelständischer Unternehmen unterstützen. Dafür haben wir bei OVHCloud eine praxisnahe Umgebung mit Web-Anwendung, Datenbank, Kubernetes sowie Netzwerk- und Sicherheitskomponenten aufgebaut, ausschließlich mit Standard-Services und ohne Sonderverträge. Weitere Details zur Zielarchitektur gibt es hier.
Bewertet wurden insbesondere Dokumentation, Automatisierbarkeit, Developer Experience sowie der zusätzliche Eigenaufwand im Vergleich zu etablierten Hyperscalern und die Eignung als Grundlage für weitergehende Cloud-Architekturen.
Wer hat getestet?
Das Test-Team ist breit aufgestellt, um individuelle Präferenzen und Anbieter-Bias möglichst auszugleichen. Beteiligt waren Cloud- und Software-Architekten mit langjähriger Erfahrung in Hyperscaler-, Sovereign- und europäischen Cloud-Ökosystemen.
- David Sterz, Senior Cloud Architect (AWS, Azure, GCP, Alibaba, STACKIT, IONOS)
- Felix Gerdes, Sovereign Cloud Architect (Azure, Delos Cloud)
- Marcel Gocke, Lead Software Architect (AWS, Azure, GCP, Hybris)
- Tom Volkmann, Cloud Consultant ( Azure, STACKIT, IONOS)
Durch diese Mischung aus Architektur-, Plattform- und Beratungsperspektiven konnten wir OVHCloud sowohl aus Sicht von Cloud-Einsteigern als auch von ambitionierten Cloud-Anwendern bewerten.
Die Test-Ergebnisse
Ist OVH ein guter Anbieter für eine Cloud-Beginner-IT-Landschaft?
Bezogen auf unsere Referenzarchitektur ist OVHCloud grundsätzlich geeignet, jedoch nur eingeschränkt einsteigerfreundlich.
Alle notwendigen Infrastruktur- und Managed-Services sind vorhanden: virtuelle Maschinen, persistentes Storage, Netzwerkfunktionen und Managed Kubernetes ermöglichen den Aufbau einer typischen Cloud-Einstiegsarchitektur vollständig mit Standard-Services und ohne Sonderverträge. Die Plattform erfüllt damit funktional die Anforderungen für erste produktive Workloads.
Im praktischen Betrieb zeigt sich jedoch, dass OVHCloud stark auf einem klassischen Infrastrukturansatz basiert. Viele Konfigurationsschritte müssen manuell erfolgen, etwa bei Berechtigungen, Netzwerkreferenzen oder der Integration einzelner Komponenten. Die Dokumentation bietet einen Einstieg, endet jedoch häufig auf einem technischen Detailniveau, das Cloud-Erfahrung voraussetzt. Auch die Portalstruktur mit mehreren Interfaces und service-spezifischen Konzepten erschwert die Orientierung.
OVHCloud eignet sich damit vor allem für Teams mit Infrastruktur- oder Rechenzentrumserfahrung, die bewusst auf eine europäische Cloud setzen und bereit sind, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Für echte Cloud-Neulinge, die stark geführte Workflows und eine integrierte Developer Experience erwarten, ist der Einstieg deutlich anspruchsvoller als bei etablierten Hyperscalern.
Wo stießen wir bei OVH an Grenzen?
Die im Test identifizierten Grenzen betreffen primär Integrationstiefe, Automatisierungskonsistenz und Plattformkohärenz – nicht die grundsätzliche Verfügbarkeit der benötigten Services.
1. Service-Integration: Zwar sind die notwendigen Infrastruktur- und Managed-Services vorhanden, ihre Kombination erfordert jedoch zusätzliche Konfigurationsschritte. Netzwerkreferenzen, Berechtigungen und Service-Verknüpfungen müssen explizit gesetzt werden. Bestimmte Aufgaben – etwa das Anlegen von Datenbank-Usern oder spezifischen Zugriffsrechten – sind nicht vollständig per Infrastructure-as-Code abbildbar.
2. Automatisierungskonsistenz: Die Bereitstellung per Terraform ist weitgehend möglich, jedoch nicht durchgängig konsistent. Der parallele Einsatz unterschiedlicher APIs und Terraform-Provider führt zu strukturellen Brüchen im Automatisierungsmodell. Einzelne manuelle Zwischenschritte verhindern vollständig reproduzierbare End-to-End-Deployments.
3. Plattformstruktur und Interface-Kohärenz: Die Nutzung verteilt sich auf mehrere Interfaces und konzeptionelle Ebenen, insbesondere die Kombination aus OVHCloud-Portal und OpenStack-Komponenten. Diese Struktur erschwert eine einheitliche Bedienlogik und erhöht die Komplexität bei serviceübergreifenden Konfigurationen.
4. Dokumentationstiefe und Aktualität: Grundlegende Einstiegsszenarien sind dokumentiert. Bei komplexeren Konfigurationen fehlen jedoch häufig konsistente, durchgängige Anleitungen. Inhalte sind teilweise veraltet oder regionsspezifisch unterschiedlich strukturiert, was zusätzlichen Rechercheaufwand erzeugt.
Diese Punkte stellen keine funktionalen Blockaden dar. Die getestete Referenzarchitektur ließ sich vollständig umsetzen.
Macht es als Cloud-Experte Spaß, mit OVH zu arbeiten?
Aus Engineering-Perspektive kann die Arbeit mit OVHCloud durchaus reizvoll sein.
Positiv fällt die technische Klarheit auf. Infrastrukturkomponenten sind nachvollziehbar aufgebaut, Abhängigkeiten transparent, Konfigurationen explizit gesetzt. Der Managed-Kubernetes-Service bleibt nah am Standard und verzichtet weitgehend auf proprietäre Plattformmechanismen. Probleme lassen sich meist auf konkrete Netzwerk-, Compute- oder Konfigurationsebenen zurückführen. Wer Systeme verstehen, bewusst designen und sauber debuggen möchte, findet hier ein technisch greifbares Umfeld ohne viel „versteckte Magie“.
Gleichzeitig fühlt sich die Plattform weniger wie eine integrierte Cloud-Erfahrung und mehr wie eine programmierbare Infrastrukturumgebung an. Es gibt kaum implizite Defaults oder stark geführte Workflows. Entscheidungen und Einstellungen sind explizit – das schafft Kontrolle, verlangt aber auch Aufmerksamkeit und technisches Detailverständnis.
Der Arbeitsfluss selbst ist dabei nicht immer reibungslos. Kontextwechsel zwischen Interfaces, unterschiedliche Bedienlogiken und fehlende durchgängige Automatisierung bremsen den Flow. Statt eines stark integrierten Plattformerlebnisses entsteht eher ein handwerkliches Arbeiten an einzelnen Infrastrukturbausteinen.
Unterm Strich: Für Cloud-Engineers, die Transparenz, Kontrolle und technische Nachvollziehbarkeit schätzen, kann OVHCloud befriedigend sein. Wer hingegen eine abstrahierte, nahtlos integrierte Developer Experience erwartet, wird den Arbeitsalltag als weniger flüssig empfinden.
Wie gut eignen sich OVH für ambitionierte Cloud-Anwender?
Für ambitionierte Cloud-Anwender ist OVHCloud technisch nutzbar, stellt organisatorisch jedoch höhere Anforderungen an Struktur, Governance und Betriebsmodell.
1. Multi-Cluster- und Multi-Umgebungs-Betrieb: Mehrere Kubernetes-Cluster, getrennte Umgebungen oder Mandantenstrukturen lassen sich umsetzen. Die übergreifende Organisation von Netzwerk, Zugriff und Betriebsprozessen muss jedoch weitgehend eigenständig entworfen und konsolidiert werden. Plattformseitige Integrationen oder zentrale Steuerungsmechanismen sind weniger ausgeprägt.
2. Identity & Access Management und Governance-Strukturen: Grundlegende IAM-Funktionen sind vorhanden, bieten jedoch geringere Granularität und weniger tiefe Integration in organisationsweite Governance-Modelle. Komplexe Rollenmodelle, Rechtevererbungen oder zentrale Policy-Strukturen müssen stärker selbst strukturiert und koordiniert werden.
3. Compliance- und Sicherheitsorganisation: Basismechanismen wie Netzwerkisolation und Zugriffskontrollen sind verfügbar. Für weitergehende Compliance-Anforderungen – etwa konsistente Richtlinien, zentrale Policy-Durchsetzung oder Auditierbarkeit über mehrere Umgebungen hinweg – sind zusätzliche organisatorische und technische Maßnahmen erforderlich.
4. Skalierung der Plattformorganisation: Mit wachsender Teamzahl oder steigender Umgebungsanzahl steigt der Koordinationsaufwand. Unterschiedliche Interfaces und Automatisierungsbrüche erschweren eine vollständig konsistente Plattformsteuerung über mehrere Teams hinweg.
5. Aufbau komplexer Plattform- oder Datenarchitekturen: Erweiterte CI/CD-Landschaften oder integrierte Datenarchitekturen sind realisierbar, setzen jedoch eigenständige Architektur- und Integrationsarbeit voraus, da weniger vorgefertigte Enterprise-Plattformdienste zur Verfügung stehen.
OVHCloud eignet sich damit für Organisationen, die Architektur, Governance und Betriebsmodell bewusst selbst gestalten und kontrollieren möchten. Für Unternehmen, die stark auf integrierte Enterprise-Services und zentralisierte Plattformmechanismen setzen, ist der strukturelle Implementierungs- und Steuerungsaufwand höher als bei stark abstrahierten Hyperscaler-Umgebungen.
Gute Ansätze bei OVH, von denen wir gerne mehr sehen würden!
Positiv aufgefallen ist, dass OVHCloud viele der Themen adressiert, die auch im Test als relevant sichtbar wurden. Aspekte wie Plattformintegration, Bedienbarkeit und der Ausbau von Managed Services sind erkennbar Teil der Weiterentwicklung. Das deutet darauf hin, dass der Anbieter die Anforderungen über reine Infrastruktur hinaus im Blick hat.
Auffällig ist zudem, dass sich einzelne Funktionen und Angebote bereits während des Testzeitraums weiterentwickelt haben. Das zeigt, dass die Plattform aktiv ausgebaut wird und kein statisches Angebot darstellt. Für Anwender ist das insbesondere deshalb relevant, weil Plattformreife und Integrationsgrad maßgeblich über die langfristige Nutzbarkeit entscheiden.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass OVHCloud die Public Cloud zunehmend als Plattform und nicht nur als Infrastrukturangebot weiterentwickelt. Der Ausbau von Managed Services und Plattformfunktionen adressiert Anforderungen, die über klassische Infrastruktur hinausgehen und für viele Cloud-Anwendungsfälle entscheidend sind.




