Die ersten Prinzipien der digitalen Souveränität

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15.02.2026
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3 min Lesedauer
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Die Debatte über digitale Souveränität ist politisch aufgeladen, aber ökonomisch erstaunlich unscharf. Viele Vorschläge klingen intuitiv richtig, widersprechen jedoch grundlegenden Prinzipien, die seit Jahrhunderten gelten. Ich habe mich einmal am Aristotelischen 'First Principle Thinking‘ versucht und bin auf drei solcher Prinzipien gekommen, die sich in der Geschichte immer wieder bestätigen:

Benefical Dependence: Spezialisierung und Arbeitsteilung sind das volkswirtschaftliche Optimum.

Digitale Märkte sind geprägt von hohen Anfangsinvestitionen und extrem niedrigen Grenzkosten. Wer die Infrastruktur einmal gebaut hat, kann sie nahezu unbegrenzt skalieren. Die Folge ist Arbeitsteilung: Einige wenige Akteure bauen Basistechnologien, andere Branchen setzen darauf auf. Diese Abhängigkeit ist kein Fehler, sondern ökonomisch rational.

Historisch ist das der Normalfall, nicht nur für die Digitalwirtschaft: Rom war abhängig vom ägyptischen Getreide aus dem Nildelta, Venedig spezialisierte sich auf Handelsrouten-Management und verdiente mit dem Gewürzhandel, im 18. Jahrhundert konzentrierte sich Großbritannien auf die Textil-Wertschöpfungskette von der Baumwolle bis zur Dampfmaschine.

Next Cycle Capital: Digitale Dominanz entsteht durch kapitalintensives Wachstum in den Frühphasen von Innovationszyklen.

Technologische Führungspositionen entstehen nicht zufällig, sie werden finanziert. Wer in den frühen Phasen eines neuen Technologiezyklus massiv investiert, Standards setzt und Distribution skaliert, kann einen Markt für Jahre oder Jahrzehnte prägen. Software verstärkt dieses Muster: Hohe Anfangsinvestitionen treffen auf starke Skaleneffekte. Wer zuerst groß skaliert, gewinnt nicht nur Marktanteile, sondern strukturelle Macht.

Auch das ist historisch kein Sonderfall der Digitalwirtschaft: Die Niederlande investierten im 17. Jahrhundert massiv in Windmühlen und Schiffbau-Infrastruktur. Mit weniger Arbeitskraft konnten sie mehr und bessere Schiffe bauen. Das kleine Land wurde trotzdem zur führenden Handels- und Seefahrernation Europas.

Power of Negotiation: Weil Abhängigkeiten global unvermeidbar sind, entsteht Souveränität durch relevante Gegenabhängigkeiten.

In einer global arbeitsteiligen Wirtschaft ist vollständige Unabhängigkeit eine Illusion. Kein Staat kontrolliert den gesamten Technologie-Stack. Souveränität im Sinne politischer Handlungsfähigkeit entsteht deshalb nicht durch die Abwesenheit von Abhängigkeiten, sondern durch relevante Gegenabhängigkeiten. Wer selbst unverzichtbar ist, verhandelt anders.

Historisch zeigt sich das deutlich: China war im 19. Jahrhundert weitgehend autark – im Opiumkrieg fehlte jedoch die Verhandlungsmacht gegenüber Großbritannien. Dieses Trauma beeinflusst China bis heute. Aber es hat gelernt, denn nun sind wir abhängig von chinesischen Batterien, Solarzellen und günstigen Lieferketten.

Diese Prinzipien können uns helfen, Vorschläge zu bewerten

Wenn wir also Ideen entwickeln, wie Europa digital souverän werden kann, dann funktionieren diese nur, wenn sie den genannten drei Prinzipien standhalten:

😌 Kämpft ein Vorschlag gegen grundlegende volkswirtschaftliche Logiken wie Spezialisierung und Arbeitsteilung, wird er keine Eigendynamik entfalten.

🤷‍♂️ Erzeugt er keine massiven Investitionsmittel für den nächsten Innovationszyklus, wird er finanziell versanden.

🙏 Schafft er keine relevanten Gegenabhängigkeiten, stehen wir in der nächsten Krise erneut als Bittsteller da.

Digitale Souveränität ist kein moralisches Projekt. Sie ist ein ökonomisches Gestaltungsprojekt. Die gute Nachricht: Diese Prinzipien sind keine Naturgesetze gegen Europa – sie sind Spielregeln. Und Spielregeln könne auch wir strategisch nutzen.

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