Führt Substitution zu Souveränität?

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07.02.2026
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3 min Lesedauer
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In der Reihe "Denkfehler der Souveränitäts-Debatte" habe ich mir einmal einen Linkedin-Post des Bundestagsabgeordneten Henri Schmidt angeschaut. Henris Kernthese bringt er selbst klar auf den Punkt: „Unsere politische Handlungsfähigkeit darf nicht von Microsoft & Co. abhängen.“

Die dahinterliegende Intuition, wie ich sie wahrnehme, lautet: Weil wir durch „Microsoft & Co.“ in eine strukturelle Abhängigkeit von den USA geraten sind, sollen stärkere europäische und Open-Source-Alternativen genau diese Systeme ersetzen. Das gilt zwar als „technisch, organisatorisch und kulturell anspruchsvoll“, erscheint aber letztlich als einzige realistische Option.

Internationale Arbeitsteilung ist kein Zufall

Dabei verliert Henri zwei Dinge aus dem Blick:

1) Die heutige internationale Arbeitsteilung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von rund 50 Jahren Freihandel und Spezialisierung – und damit ökonomisch gesehen ein funktionales Optimum im Sinne des komparativen Wettbewerbsvorteils.

Unternehmen, Verwaltungen und Nutzer haben sich nicht „gegen Souveränität“, sondern für die für sie effizientesten, günstigsten und leistungsfähigsten Lösungen entschieden. Diese individuellen Anreize sind über Jahrzehnte gewachsen und tief im Markt verankert. Ein „Befreiungsschlag“ – auch im Deutscher Bundestag – wird deshalb nur erfolgreich sein, wenn er stärker ist als genau diese eingespielten ökonomischen Incentives von Millionen von Akteuren.

2) Politische Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch die Auflösung von Abhängigkeiten.
Die Weltwirtschaft war nie unabhängig, sondern immer von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt. Wertschöpfungsketten – historisch wie heute – beruhen auf Spezialisierung und Interdependenz: Schon für die Herstellung von Bronze mussten Kupfer aus dem Mittelmeerraum und Zinn aus Cornwall zusammenkommen.

Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch Entkopplung

Handlungsfähigkeit entsteht daher nicht durch Entkopplung, sondern durch Gegengewichte und Verhandlungsmacht. Staaten gewinnen Einfluss nicht dadurch, dass sie alles selbst herstellen können, sondern dadurch, dass andere ebenfalls von ihnen abhängig sind.

Auch geopolitisch zeigt sich das: In der Hochphase des Grönland-Konflikts hat niemand versucht, US-Technologie kurzfristig „nachzubauen“. Stattdessen wurde mit wirtschaftlichen und finanziellen Hebeln gearbeitet – etwa mit der Androhung, amerikanische Staatsanleihen zu verkaufen. Macht entsteht durch strategische Druckmittel, nicht durch technische Autarkie.

Geopolitische Handlungsfähigkeit benötigt eigenes Drohpotential

Ich will dabei nicht missverstanden werden: Open Source und starke europäische Alternativen halte ich ausdrücklich für sinnvoll und notwendig.

Wenn wir jedoch echte politische Handlungsfähigkeit erreichen wollen, reicht Substitution allein nicht aus. Entscheidend sind eigene, global wettbewerbsfähige Technologieführer, auf die andere angewiesen sind.

Deshalb hoffe ich, dass der Deutscher Bundestag sich nicht von naheliegenden Intuitionen leiten lässt, sondern vor allem in Innovationsfähigkeit, Gründerökosysteme und Wagniskapital investiert.


Denkfehler 1: Substitution führt zu Souveränität

Denkfehler 1 der Souveränitäts-Debatte also lautet: „Die schrittweise Substitution von US-Technologien durch europäische oder Open-Source-Alternativen führt zu digitaler Souveränität.“

Diese Annahme übersieht, dass Substitution allein weder bestehende Abhängigkeiten auflöst noch politische Handlungsfähigkeit automatisch erhöht. In einer global arbeitsteiligen Wirtschaft sind technologische Abhängigkeiten kein Ausnahmezustand, sondern die Regel. Sie verschwinden nicht durch Ersatz, sondern werden verlagert – oft zulasten von Effizienz, Innovationsgeschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Digitale Souveränität entsteht daher nicht primär durch den Austausch einzelner Technologien, sondern durch die Fähigkeit, selbst unverzichtbarer Teil globaler Wertschöpfungs- und Machtstrukturen zu sein.

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